Jero Schamanin und Heilerin
Erfahrungsbericht Teil 2 - Wie wurde Jero zur Schamain
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Nach den besagten drei Tagen besuchte ich die Schamanin Jero um einiges über ihren Werdegang zu erfahren. Jero saß im Garten unter dem Vordach ihres Hauses und bearbeitete Bananenblätter, die sie zur Herstellung jener kleinen Behältnisse benötigte, in denen alle Balinesinnen die täglichen Opfergaben den Göttern und Dämonen darbieten. Die Atmosphäre war entspannt und locker, und die Luft in ihrem Garten war mit Vogelgezwitscher durchtränkt. Ein wohliges und angenehmes Gefühl stieg in mir hoch, so als ob ich diesen Platz schon seit langem gekannt hätte oder dort mein Zuhause gewesen wäre.
Jero erkundigte sich zunächst nach meinem Befinden und fragte, ob die Kräutermischung, die ich vor wenigen Tagen von ihr bekommen hatte, der Wiederherstellung meiner Gesundheit zuträglich gewesen sei. Ich gestand ihr, dass meine Magenbeschwerden schon kurz nach der Einnahme ihrer schmanischen Medizin aufgehört hätten. Jero bot mir nun Tee an, und wir unterhielten uns über ihrer persönliche Entwicklung zur Schamanin.
Schon in ihrer Kindheit galt Jero als "eigenartig". Ihre Familie war besorgt, weil sich das Mädchen nicht erziehen lassen wollte. Jero hatte grosse Schwierigkeiten damit, den Erwartungen ihrer Familie zu entsprechen. Dazu kam, dass sie sehr oft aufmümpfig und aufsässig war. Ihre Eltern litten daher unter all den Mühen mit ihrem Sorgenkind. Dieses negative Verhalten wurde bisweilen von einer plötzlich eintretenden Geistesveränderung begleitet, während der das Mädchen besonders auffällig reagierte. Bereits als Kind sah sie in solchen Situationen Geistwesen und vernahm Stimmen. Nachts erwachte sie danach weinend aus einem Alptraum.
Jedenfalls sei Ihr Verhalten im Vergleich zu ihren Geschwistern und anderen Kindern ihres Alters äusserst auffällig gewesen, was die Schamanin mehrmals während dieses Gespräches betonte. An ihrem neunten Geburtstag erlitt Jero eine Art "Tobsuchtsanfall", dessen Erscheinungsbild unsere westlichen Psychologen wohl unter den Begriff "Hysterie" subsumieren würden.
Dieser Anfall war derart heftig, dass sich Jeros Eltern nun auch noch ernste Sorgen um den geistigen Gesundheitszustand ihrer Tochter zu machen begannen. Jeros Eltern stimmten schliesslich darin überein, dass das Kind dringend spiritueller Hilfe bedurfte, und sie konsultierten - wie in solchen Fällen auf Bali üblich - einen bekannten Schamanen. Der alte Balian versetzte sich in einen Trancezustand und "diagnostizierte", dass ein fremder Geist von Jero Besitz ergriffen hätte. Dieses Geistwesen, so der Schamane, mache sich durch Jeros Verhalten bemerkbar, weil er das Kind für Höheres "erwählt" hätte. Der alte Mann erklärte, dass das Mädchen mit Unterstützung ihres Geistwesens jene Kräfte erhalten und Fähigkeiten ausbilden werde, die es ihm später ermöchlichen würden, als Schamanin für das Wohl ihrer Mitmenschen Sorge zu tragen. Der Alte eröffnete den fassungslosen Eltern, dass es angebracht wäre, sich dem Wunsch jenes Geistes zu fügen. Sollte nämlich der Versuch unternommen werden, dem nunmehr bekannten Wunsch des Geistwesens zu vereiteln, dann könnte sowohl über das Kind, als auch über die ganze Familie schweres Unheil hereinbrechen.
Der Balian riet den Eltern, das Kind bei ihm zu belassen. Er würde für das Mädchen sorgen und ihm bei seiner spirituellen Entwicklung zur Seite stehen. Jeros Eltern nahmen diesen Vorschlag an und liesen ihr Sorgenkind bei jenem alten Mann. Von nun an lernte Jero bei diesem Schamanen. Er unterwies sie in allen für ihre zukünftige Arbeit notwendigen Rituale und Techniken. Und sie lernte unter der Führung des Alten, willentlich mit ihrem Geistwesem zu kommunizieren. Ein wesentlicher Bestandteil ihrer Ausbildung bestand darin, in Sekundenschnelle in Trance zu fallen und die Mitteilungen jenes Wesens während dieses Zustandes verstehen bzw. interpretieren zu lernen. Der Schamane lehrte das Kind, wie es mit ihrem Geistwesen eine innige Freundschaft aufbauen, diese pflegen und vertiefen konnte. Er brachte ihr bei, wie man mit den Informationen, die man durch die regelmässige Kommunikation mit seinem Geistwesen erhällt, kranken und leidenden Menschen helfen und allfällige Problemsituationen für sie lösen kann.
Jeros Ausbildung dauerte insgesamt 4 Jahre und wurde kurz nach ihrem 13. Geburtstag abgeschlossen.
Seit diesem Zeitpunkt arbeitet Jero für all jene Menschen, die schamanischen Rat und Hilfe benötigen und sie aus diesem Grunde aufsuchen. Sie verweigert niemals und niemandem ihre Hilfe, denn das stünde mit ihrer Berufung zur Schamanin nicht im Einklang. Wer jemals Gelegenheit hatte, die Schamanin Jero bei ihrer "Arbeit" zu beobachten, der ist wohl - wie ich - tief beeindruckt von dem, was da mit ihr und allen Anwesenden passiert. Die Veränderungen, die während der Trance bei ihr auftreten, sind für jedermann ersichtlich. Und jedermann bemerkt die häufigen Veränderungen in ihrer Stimmlage, wenn ES während der Trance aus ihr spricht.
Jeder, der diese Schamanin näher kennt, macht die Erfahrung, dass in solchen schamanischen Seancen nicht der Mensch Jero agiert, sondern ein ganz anderes Wesen - ein Wesen, das ganz offensichtlich sehr intime Details aus dem Leben der Hilfesuchenden kennt und ihnen mit Information und Rat Beistand leisten will und das auch kann...
Abschließend sei vielleicht noch erwähnt, dass mir die Schamanin erzählte, dass sie schon zum dritten Mal verheiratet sei und überhaupt angetan vom starken Geschlecht wäre. Da ich weiß, dass Scheidungen und Wiederverehelichungen für Balinesinnen eher sehr ungewöhnlich sind, kam mir die Frage nach dem "Warum wohl ?" in den Sinn. Während ich noch darüber grübelte, warum diese Frau offenbar einen sehr hohen Bedarf an Männern hatte, lächelte sie mir verschmitzt und wissend zu.
Augenblicke später dämmerte es mir: Jero musste wohl meine Gedanken "gelesen" und über meine nicht geäusserte Frage Bescheid gewusst haben, ist sie doch im Dorfe Sanur als praktizierender Balian Taksu bestens bekannt. Und jeder Balian Taksu ist doch allemal ein hellsichtiges Geistmedium...
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