Hoffnungslosigkeit als Initiation
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Es gibt Zeiten im Leben, in denen alles zerfällt. Gewissheiten, die einst Halt gaben, lösen sich auf; Pläne, Rollen und Sicherheiten verlieren ihre Bedeutung. In solchen Momenten erscheint Hoffnungslosigkeit wie eine dunkle Macht, die alles Leben erstickt. Doch jenseits ihrer Bedrohlichkeit birgt sie eine tiefere Wahrheit: Hoffnungslosigkeit ist der Ruf der Seele, der uns aus einer Lebensform befreit, die nicht mehr im Einklang mit unserem inneren Wesen steht.
Wenn Hoffnungslosigkeit erscheint, will die Seele gehört werden. Sie ruft uns aus der Oberfläche des Funktionierens zurück in die Tiefe des Daseins. In dieser Tiefe liegt keine Vertröstung, sondern Wahrheit – eine, die uns entkleidet von Idealen und Zielen, bis nur noch das Wesentliche bleibt: das nackte, atmende Sein.
Jung würde sagen: Hoffnungslosigkeit ist die Stimme des Selbst, das sich Gehör verschafft, wenn das Ich zu laut geworden ist.
Walsh würde sagen: Sie ist die Einladung, das Leben ohne Bedingungen zu lieben.
Und der Schamane würde sagen: Sie ist der Ruf, dem Lied der Erde wieder zuzuhören.
Hoffnungslosigkeit – ein Ruf der Seele. Nicht, um zu verzweifeln, sondern um endlich zu erwachen.
In der Sicht von C. G. Jung und in der schamanischen Tradition wird dieser Zustand nicht als Defekt, sondern als Übergang verstanden – als Schwelle zwischen altem Selbst und neuer Ganzheit. Hoffnungslosigkeit entlarvt die Illusion der Kontrolle und zwingt den Menschen, sich dem Unbekannten in sich selbst zuzuwenden. Was auf der Ebene des Egos als Krise erscheint, ist auf seelischer Ebene oft ein Initiationsprozess – ein Sterben und Wiedergeborenwerden in ein bewussteres Dasein.
Der schamanische Blick: Heilung durch die Dunkelheit
Im schamanischen Verständnis ist Krankheit – körperlich wie seelisch – oft ein Ruf der Seele, die ihre Verbindung zum Ganzen verloren hat. Der Schamane selbst wird durch Krise geboren: Krankheit, Isolation, Visionen des Todes oder Wahnsinn markieren den Beginn seiner Berufung. Durch die Dunkelheit hindurch findet er Heilung – und wird zum Heiler.
Hoffnungslosigkeit kann in diesem Licht als moderne Schamanenkrankheit gelesen werden. Unsere Zivilisation leidet an ihrer eigenen Entfremdung: von der Erde, vom Geist, voneinander. Der Zusammenbruch der Hoffnung ist dann nicht das Ende, sondern der Beginn einer neuen Beziehung zum Leben. Die Dunkelheit ist der Initiationsraum, in dem wir lernen, das Heilige im Schmerz zu erkennen.
So wie der Schamane seine Krankheit nicht bekämpft, sondern durchlebt, sind auch wir heute aufgerufen, unsere kollektive Hoffnungslosigkeit nicht zu betäuben, sondern zu durchdringen. Nur so kann sie sich verwandeln – in Bewusstsein, Mitgefühl und eine neue Form der Verbundenheit.


